Jeder hat schon von den halbjährlichen Polartagen und Polarnächten gehört. Doch was bedeutet es eigentlich, in einer Welt zu leben, in der die Sonne über Monate hinweg nicht mehr aufgeht? Auf Spitzbergen nennt man diese Zeit die „Dunkelzeit" – eine Phase tiefer, allumfassender Dunkelheit, in der die Arktis zur Ruhe kommt. Für viele klingt das zunächst herausfordernd, doch wer die Dunkelzeit erlebt, entdeckt eine ganz eigene, fast magische Schönheit, die es nirgendwo sonst gibt.
Während der Dunkelzeit steigt die Sonne auf Spitzbergen nicht über den Horizont. Anders als bei der Dämmerung im Februar fehlt hier sogar das indirekte Tageslicht: Von Mitte November bis Ende Januar herrscht die echte Polarnacht, in der es auch zur Mittagszeit dunkel bleibt. Die Welt wird auf das Wesentliche reduziert – auf das Licht der Sterne, des Mondes und mit etwas Glück auf das Leuchten der Nordlichter am Himmel. Für die Bewohner ist diese Zeit ein fester Bestandteil des Lebens hoch im Norden, geprägt von Gemütlichkeit, Kerzenschein und einer besonderen Gemeinschaft.
Die Polarnacht entsteht durch die Neigung der Erdachse. Da Spitzbergen weit nördlich des Polarkreises liegt, dreht sich die Erde während des Winters so, dass die Sonne für die Region dauerhaft unter dem Horizont bleibt. Je weiter nördlich man sich befindet, desto länger dauert diese Phase. In Longyearbyen verschwindet die Sonne bereits Ende Oktober und kehrt erst im Februar in die Dämmerung zurück. Die tiefste und dunkelste Phase – die eigentliche Dunkelzeit – liegt dabei in den Monaten November bis Januar.
Was die Dunkelzeit für viele Reisende so besonders macht, ist die Möglichkeit, Nordlichter zu jeder Tageszeit zu sehen. Während man in südlicheren Regionen auf die Nacht angewiesen ist, kann das Polarlicht auf Spitzbergen in der Dunkelzeit selbst zur Mittagszeit über den Himmel tanzen – vorausgesetzt, der Himmel ist klar und die Sonnenaktivität hoch genug. Grüne, manchmal auch violette und rote Schleier ziehen dann lautlos über die verschneite Landschaft und schaffen ein Naturschauspiel, das niemand je vergisst.
Die Dunkelzeit bringt nicht nur Dunkelheit, sondern auch klirrende Kälte mit sich. Die Temperaturen liegen häufig zwischen -0 °C und -25 °C, können bei Wind aber noch deutlich kälter wirken. Gleichzeitig sorgt die Kälte für besonders klare, trockene Luft. Wer gut ausgerüstet ist, kann die Bedingungen in vollen Zügen genießen. Bei allen Hundeschlitten- und Schneemobiltouren wird selbstverständlich warme Spezialkleidung gestellt (Schneemobil-Ganzkörper-Anzug, dicke Stiefel, Fäustlinge, Sturmhaube etc.), sodass ihr der Kälte gut gewappnet begegnet.
Für Fotografen ist die Dunkelzeit eine ganz besondere, wenn auch anspruchsvolle Jahreszeit. Statt klassischer Landschaftsaufnahmen stehen hier die Sterne, der Mond und vor allem die Nordlichter im Mittelpunkt. Die tiefe Dunkelheit erlaubt eindrucksvolle Langzeitbelichtungen, bei denen das Polarlicht über schneebedeckten Bergen erstrahlt. Ein stabiles Stativ und eine Kamera mit manuellen Einstellungen sind hierfür unverzichtbar. Auch das warme Licht von Longyearbyen, das sich in den Schnee legt, sorgt für stimmungsvolle Motive. Denkt unbedingt an Ersatzakkus – die Kälte entlädt diese deutlich schneller!
Tiersichtungen sind in der Dunkelzeit eher selten. Die Wale verbringen den Winter im Süden, die Walrosse halten sich weit im Norden im Packeis auf, und die meisten Vögel sind längst in wärmere Regionen gezogen. Eisbärensichtungen sind sehr unwahrscheinlich, da sich die Bären überwiegend auf dem sich bildenden Meereis aufhalten und in der Dunkelheit schwer zu erkennen sind – zudem ist es uns gesetzlich verboten, Eisbären zu suchen oder zu verfolgen. Die Tiersichtungen konzentrieren sich somit auf Rentiere, die auch im Ort anzutreffen sind, sowie mit etwas Glück Polarfüchse und Schneehühner, die auf Spitzbergen überwintern. Dies macht die Dunkelzeit zu einem ruhigen, fast unberührten Naturerlebnis, bei dem die Stille und die geheimnisvolle Atmosphäre der Landschaft im Vordergrund stehen.
Die Dunkelzeit hat auf Spitzbergen eine ganz eigene kulturelle Bedeutung. Statt sich von der Dunkelheit unterkriegen zu lassen, zelebrieren viele der Bewohner diese Zeit. Lichterketten, Kerzen und gemütliche Abende prägen den Alltag, und in den Cafés und Restaurants herrscht eine besonders warme, einladende Stimmung. Auch Weihnachten und der Jahreswechsel werden hier inmitten der Polarnacht gefeiert – ein unvergessliches Erlebnis, wenn Feuerwerk und Nordlichter gemeinsam den dunklen Himmel erhellen. Die Dunkelzeit lehrt, das Licht in seinen kleinsten Formen zu schätzen.
Auch in der Dunkelzeit ist Spitzbergen alles andere als verschlafen. Sobald genügend Schnee liegt, sind Schneemobil- und Hundeschlittentouren möglich, bei denen ihr durch die dunkle, verschneite Wildnis gleitet – oft begleitet vom Schein des Mondes oder dem Tanz der Nordlichter. Wanderungen sind das ganze Jahr über möglich und vermitteln in der Dunkelheit ein ganz besonderes Gefühl für die Weite und Stille der Arktis. Schiffstouren hingegen sind in dieser Jahreszeit nicht möglich, da die Schiffe erst im Frühjahr nach Spitzbergen zurückkehren.
Die Dunkelzeit ist die richtige Wahl für alle, die das Außergewöhnliche suchen: die echte Polarnacht, Nordlichter-Möglichkeit zu jeder Tageszeit und eine Atmosphäre, wie es sie nur in den dunkelsten Monaten hoch im Norden gibt. Wer sich auf die Dunkelheit einlässt, wird mit einem der intensivsten und ursprünglichsten Naturerlebnisse überhaupt belohnt.
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